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Rutsch mir doch den Buckel runter

  • Feb 2, 2016
  • 4 min read

Manche Menschen

denken, man sei immer nett zu ihnen - egal wie sie einen behandeln. Zeit, dem Paroli zu bieten.

Wie man einen anständigen Konflikt führt, bringt einem kaum einer bei. Hiermit ist eine kleine gepflegte Auseinandersetzung gemeint, die niemanden aus der Haut fahren lässt und den Respekt auf beiden Seiten wahrt, jedoch das Problem aus der Welt schaffen könnte. Da dies allerdings nur einer Seltenheit entspricht, haben viele von uns beschlossen, das Spiel nicht mehr mitzuspielen und wurden besonders eins - konfliktscheu. Was nicht heißen mag, dass sich Streitigkeiten von nun an in Luft auflösten. Nein, sie wurden nur anders ausgetragen, auf dem Schlachtfeld des Schweigens und mit Hilfe eines gesellschaftlichen Kanons, nämlich zu schlucken. Wenn man eins vermeiden wollte, dann einen Krach, schließlich könnte man dabei das Schlimmste, sein Gesicht, verlieren und als unhöflich abgestempelt werden. Was demzufolge nur leider unter den Tisch fiel, war erstens die Tatsache, dass nicht jeder an sich selbst diese Ansprüche von Höflichkeit und Respekt anderen gegenüber hegt. Und zweitens, dass jeder von uns nach Regeln, Vorschriften und Gesetzen schreit und das gilt genauso fürs Private.


Wer anderen keine Regeln setzt, ist also selber Schuld?! Ich fürchte ja! Zuvorkommenheit ist schön und gut, aber man sollte sie nicht wie Perlen vor die Säue werfen. Wie alles andere auch, muss man sie sich verdienen und das tut man nicht, in dem man spitze Seitenhiebe verteilt, oder unter scheinheiligem Lächeln Gemeinheiten ausspricht. Oder aber gute Miene zu bösem Spiel macht. Wie oft saß man schon in seinem Kämmerlein und sinnierte über hervorragende Gegenworte, die man im entscheidenen Moment nur leider nicht über die Lippen brachte?! Stattdessen war man baff, wie andere nur so ungeniert "gemein" zu einem sein konnten, wo man sie selber doch nur mit Samthandschuhen angefasst hatte.


Aufgewacht!

Nur nett zu sein, ist bedauerlicher Weise nicht genug; jedenfalls bei einigen. Es gibt Menschen, die einem mit großem Vergnügen gegen den Buk stoßen (gerne auch mit Publikum), bis man sie zurechtweist. Das mag seinen Kern in Unzufriedenheit, Boshaftigkeit, Neid, oder was auch immer haben und muss dem Übeltäter zweifellos das süße Gefühl von Erhabenheit vermitteln; anders wäre dazu ja kein Grund. Trägt man den Stachel mit sich herum und ärgert sich nicht nur über den Urheber, sondern auch noch über sich selbst (dass man mal wieder den Mund nicht aufbekommen und ihm das Gefühl gegeben hat, ohne Konsequenzen so weitermachen zu können), ist niemandem geholfen. Stattdessen hat man eine fabelhafte Chance verpasst, den Miesepeter auf Grund laufen zu lassen.


Persönlich mache ich es das noch

viel zu wenig. Es verlangt Mut und Selbstbewusstsein, sich gezielt zu wehren, ohne sich auf das gleiche Niveau herabzulassen.


Gut in Erinnerung geblieben ist mir jedoch eine Situation, die ich in einem Zeltlager vor zwei Jahren erlebte. Ich war zum ersten Mal dabei und erschien nicht wie alle anderen in Jogginghose und zerfranstem T-Shirt zum Frühstück. Jemand bemerkte etwas sehr nettes zu meiner Kette, was mich ausgesprochen freute, da es nicht nur ein Reise-Mitbringsel, sondern auch noch ein Schnäppchen gewesen war. Jenes Kompliment passte wohl einer anderen nicht, denn zickig, wie eh und je kicherte sie nur höhnisch und sagte daraufhin laut in die Runde: „Ich dachte, Du hättest dich verkleidet!“ Keiner lachte, ich aber lief Burgunder-rot an. Gut, ich war ein wenig zu schick für das Zeltlager-Frühstück, nächstes Mal greife ich wohl auch eher zum Schlafanzug. Auf der anderen Seite - was zum Teufel hatte ich ihr getan? Amüsierte ich mich über ihre (offen gesagt) spießige Adelsklamotte oder ihre ungalante Quäk-Stimme?! Ehe ich es mir überlegt hatte, war ein ärgerliches <Das war jetzt aber nicht gerade nett von dir!> schon aus meinem Mund geblubbert. Erneutes Schweigen, nur dieses Mal war sie es, deren Wangen sich sichtlich röteten. Um es nicht noch unangenehmer zu machen, schlug jemand eine Runde UNO vor (das Dauerspiel jenen besagten Zeltlagers). Im regen Treiben stieß Madame mich plötzlich von der Seite an: „Tut mir Leid, dass war es wirklich nicht!“ So schlicht und einfach konnte es also auch gehen. Weder musste ich ihr zukünftig böse Blicke zuwerfen, noch mir im Stillen eine Kopfnuss geben. Dieses Gefühl war mehr als erleichternd.




"We were sort of brought up to be polite and sometimes politeness, in certain circumstances, is not what’s required," she said. "You’ve got to have the courage to stand up for yourself occasionally when it’s needed.”

(Helen Mirren/ Huffington Post)





Das Erstaunliche ist, dass jene Sorte Mensch einem hinterher meistens umso ehrfürchtiger begegnet. Was ich eben als gradezu niedliche Gegenwehr beschrieb, erweist sich oft als Geheimrezept - nämlich genau das Gegenteil zu tun, was andere von einem erwarten. Ein Mädchen meines damaligen Gymnasiums, nennen wir sie Kitty, machte sich damals einen modischen Spaß, aus der Reihe zu fallen. All die uniformierten Einheits-Styler konnten dies natürlich kaum fassen, wie man derartig unangepasst auftreten konnte und lästerten sich die Hälse wund. Doch je mehr sie das taten, desto mehr warf sich Kitty ins Zeug, sie zu provozieren, sei es mit selbstgeschneiderten Hüten oder weißen Socken in Riemchen-Stilettos. Als Kitty einige Jahre später für die Vogue schrieb, verstummten die Lästerzungen urplötzlich und likten still und heimlich lieber ihre Profilbilder. Kitty nannte man jetzt stilvoll…!


Fazit? Man kann und muss es nicht jedem Recht machen. Besser zieht man sein Ding durch und schert sich nicht zu sehr um die Meinung anderer. Was nicht heißt, man sollte ehrliche Kritik ablehnen! Doch jene Ans-Bein-Pinkler findet man überall und wenn sie eins nicht sind, dann wahre Freunde. Eher ähneln sie faulen Zähnen, die gezogen werden müssen, um sich nicht weiterhin über sie zu grämen. Ein Reporter der New York Daily News fragte einst Schauspielerin Helen Mirren, was sie heute mit 70 Jahren Lebenserfahrung bereuen würde. Als Antwort bekam er von der mehrfachen Emmy-Award-Preisträgerin und feierlich ernannten Dame Commander of the Order of the British Empire: „Ich wünschte, ich hätte öfter <fuck off> gesagt!“


 
 
 

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